Kosmosklang
Pina Bettina Rücker

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Kristallklangschalenenergie? Satire von Stefan Schwarz

ES GIBT EIN NEUES BUCH von Stefan Schwarz - und wenn ich das hier promote, dann nur aus ganz kristallklaren Gründen!!!!

 

 

 
Unten die vermutlich erste energetisch einwandfreie Kolummne über Kristallklangschalen, wunderbar zusammengedichtet von "Das Magazin" - Kolummnist Stefan Schwarz, der auch in seinem neuen Roman eine Kristallklangschalenspielerin auftreten lässt. Die hat allerdings wesentlich weniger Humor als icke.
Detailfragen über DIE WAHRHEIT werden lieber nicht beantwortet.
 
LESEPROBE hier
 
 
 
Die KULANT-Versicherung verliert ihren besten Mann oder: Essen Taliban Erdnussflips?
 
Fremdkrümeln ist eine meiner wenigen dunklen Seiten. Bei anderen Leuten Party machen, hemmungslos mit Chips und Flips herumbröseln und dann kurz nach Mitternacht abhauen und eine Riesenschweinerei hinterlassen – ich liebe es einfach. Um das Maß dieser Teufelei voll zu machen, bringe ich das Bröselzeug auch noch selber mit.
„Huhu! Ich habe was mit gebracht! Erdnussflips!“, raschelte ich also an jenem folgenschweren Abend mit einer XXL-Tüte vor Vater Dinkelkeks herum, der nur kurz in Richtung Wohnzimmer nickte, da er mit einem druckigen Sektkorken zu kämpfen hatte, der unter seinen Händen fauchte und zischte. Ich ging ins Wohnzimmer, nahm eine große Schale aus dem Regal, stellte sie auf den Couchtisch und schüttete die Erdnussflips hinein.
Vergnügt stopfte ich mir eine Handvoll Knirschzeug in den Mund und knirschte mich taub. In diesem Moment kam Mutter Dinkelkeks mit ihrer Freundin Sina herein und erstarrte, als sie mich backenprall im Sofa lümmeln sah. Ja, sie langte sogar fassungslos mit der linken Hand nach der Rechten ihrer Freundin, aber die hielt ihre Rechte vor dem offenen Mund. Ich unterbrach den Mahlvorgang zwischen meinen Kiefern, guckte verwirrt nach links und rechts, nach oben und unten. Nanu, was falsch gemacht?
„Diklaa... diklaa“, hauchte Mutter Dinkelkeks verzweifelt, während Sina ihren Mund mit den hastigen Worten „Wo stehen deine Notfalltropfen?“ wieder freigab. Was hatten sie denn nur? Ich hob meinen Hintern vom Sofa und guckte drunter. Manchmal setzt man sich ja auf so Sachen oder kleine Haustiere.
„Im Bad. Neben dem Kästchen. Mit den Heilsteinen“, röchelte die Dinkelkeksin präkomatös und in Bruchstücken, als hätte sie für Verben schon keine Kraft mehr. Während Sina die Bachblütenpulle holte, kam Vater Dinkelkeks fröhlich mit dem Sekt und fror gleichfalls an der Türschwelle ein.
„Ach, du Scheiße!“, sagte er, „die Klangschale!“
Langsam bekam ich mit, dass sich die Blicke der beiden auf dem Couchtisch trafen, wo die Schale mit dem Erdnussflips stand. Hatte mich schon gewundert, warum das Ding so groß war. Ich klopfte dagegen. Tatsächlich, ein Klang! Etwas verschluckt von den Erdnussflips, aber ein Klang.
„Du hast die Klangschale entladen!“, sagte Vater Dinkelkeks entgeistert.
„Die hatte das Energiefeld von Shri Ranayah gespeichert!“, spiralte sich die Stimme von Mutter Dinkelkeks in hysterische Höhen, während Freundin Sina neben ihr die Bachblüten-Notfalltropfen hektisch in ein Glas mit siebenfingerbreit Whiskey zählte. Die Dinkelkeksin hatte, wie ich jetzt erfuhr, ein Vermögen für diese Klangschale ausgegeben, in die der selige Shri höchstselbst vor sieben Jahren seine positiven Energien eingerührt hatte. Unwiederbringlich! Denn Shri Ranayah hatte letztes Jahr seinen irdischen Ballast abgeworfen und war den Bach runter, den Bach namens Ganges wohlgemerkt.
„Da darf nichts eingefüllt werden!“, meinte Vater Dinkelkeks böse.
Mutter Dinkelkeks sank vor mir in den Sessel, um sich mit einem ersten und dann gleich noch mit einem zweiten Bachblütentropfen-Single Malt Whiskey davor zu bewahren, „Zustände“ zu kriegen. Doch das hielt sie nicht davon, gleich wieder aufzuspringen und wie wild auf mich einzuschlagen, als ich schuldbewusst die Ednussflips von der Klangschale in eine andere Schale umfüllen wollte, die sich jedoch ebenfalls als, nur eben etwas kleinere, Klangschale herausstellte.
„Er entweiht hier alles!“, schrie die Dinkelkeksin, „So haltet ihn doch auf!“
Vater Dinkelkeks schaufelte die Erdnussflips mit aller gebotenen Vorsicht in die Tüte zurück, die er mir in die Hand drückte und mich in die Küche geleitete. Im Wohnzimmer rührte Mutter Dinkelkeks mit einem Filzklöppel in den Klangschalen herum und horchte in das helle Klingeln.
„Es ist alles weg!!“, rief sie immer wieder, „Sie klingt nur noch wie eine Salatschüssel!“
„Besser, du gehst jetzt“, meinte Vater Dinkelkeks.
„Mensch, das wusste ich doch nicht“, sagte ich, aber Vater Dinkelkeks erwiderte, manche Dinge müsse man nicht wissen, die müsse man einfach spüren.
Verwirrt und beleidigt trottete ich mit meiner Erdnussflipstüte nach Hause.
In der Nacht schlief ich schlecht und träumte. Ein Mann in einem indischen Gewand, der an einem Stirnband einen Augenspiegel befestigt hatte, schwebte im Lotussitz aus dem Irgendwo auf mein Bett zu.
„Vorsicht!“, rief ich, weil der Mann im Lotussitz direkt auf den gedrechselten Bettposten nieder zu schweben drohte. Der Mann korrigierte seinen Sinkflug und stoppte direkt vor meinen Füßen.
„Lesebrillen gehen verloren, Mobiltelefone gehen verloren, Tankdeckel älterer Kraftfahrzeuge gehen verloren, Hüte gehen verloren, Damenhandtaschen gehen verloren, Schlüssel gehen verloren...“, sagte der Mann bedächtig.
„Ich hoffe nicht, dass das eine vollständige Aufzählung aller verlierbarer Dinge wird“, unterbrach ich ihn.
„Na gut“, sagte der Mann, „was ich dir eigentlich sagen will, ist: Alles kann verloren gehen, nur eines nicht! Energie! Energie kann nicht verloren gehen, sie wechselt nur die Form.“
„Wer bist du?“, rief ich.
„Ich bin Shri Helmholtz“, antwortete die Gestalt, „und ich kann bis auf deinen Augenhintergrund sehen.“
Dann klappte er seinen Augenspiegel herunter und kam langsam auf mich zu. Schreiend wachte ich auf.
Es war Montag früh. Viertel vor Neun. In einer Viertelstunde würde ich Besuch kriegen. Besuch von der KULANT-Versicherung. Besuch von Herrn Frödel, der mit mir seit zehn Jahren über meine Rentenlücke sprechen will und dem ich jüngst in einer Schwächephase einen Termin zugestanden hatte. Ich eilte ins Bad, rasierte mich beim Duschen und löffelte die Cerealien mit der Zahnbürste und war gerade rechtzeitig fertig, als Herr Frödel mit schwungvollem Schritt die Treppe herauf kam.
 
Herr Frödel war ein gepflegter älterer Herr, der statt einer Krawatte einen eine kunstvoll gewundenes Seidenhalstuch trug, und dank irgendwelcher Mittel und Manipulationen so blendend weiße Zähne hatte, dass er vermutlich des Abends im Bett seine Nachttischlampe ausgeschaltet lassen konnte, um im Licht seiner strahlenden Beisserchen ein Buch zu lesen.  
Herr Frödel führte eine Kollegmappe mit sich. Eine Kollegmappe voller Anträge, denen nur eines fehlte, nämlich meine Unterschrift. Er putzte sich umständlich die Schuhe ab, was ich unnötig fand, weil es in unserer Wohnung eher angezeigt ist, die Schuhe beim Verlassen derselben zu reinigen.
„Wie schön, dass sie sich entschlossen haben, das Thema Vorsorge endlich anzugehen“, schüttelte Herr Frödel meine Hand, und grinste dabei ein elegant-frivoles „Heute bist du fällig, Bürschchen!“-Grinsen. Ich bat ihn in die Küche.
„Herr Schwarz!“, setzte sich Herr Frödel und schlug seine Kollegmappe mit den Anträgen und Schaubildern auf, „Die Zeiten, wo man die Altersvorsorge einfach dem Staat überlassen konnte, sind ein für alle Mal vorbei.“
Wir tauschten einen Blick. Herr Frödel gewann an Zuversicht. Die Botschaft war angekommen.
„Ich kenne Leute“, fuhr Herr Frödel mit professioneller Ergriffenheit fort, „die müssen mit siebzig Jahren und mehr (er hob Stimme und Finger zugleich) noch arbeiten, weil die Rente nicht reicht.“
„Ich hoffe sehr, dass es sich dabei nicht um ihre Kunden handelt“, entgegnete ich kess, aber Herr Frödel überging die Spitze mit Bravour.
„Sie sind Journalist. Was machen Sie da konkret?“, fragte er weiter, natürlich nur, um eine Überleitung für sein nächstes Szenario zu bekommen. Aber nicht mit mir.
„Ich drehe Filme über blutjunge Unterwäschemodels und schreibe Restaurantkritiken. Im Winter mache ich Reisereportagen über angesagte Destinationen für einen exklusiven Hotelführer.“
„Na, sehen Sie“, fuhr Herr Frödel automatisch fort, „Wollen Sie mit siebzig Jahren immer noch den ganzen Tag mit blutjungen Unterwäschemodels, kostenlosem Essen in Spitzenrestaurants und Reisen zu irgendwelchen angesagten Destinationen zubringen?“
„Was wäre denn die Alternative?“, fragte ich irritiert, dass meine Vorlage ihn nicht sofort ausgestoppt hatte. Aber Herr Frödel war schon lange im Vorsorgegeschäft und die so genannten Details interessierten ihn absolut nicht mehr.
„Ruhestand, Herr Schwarz! Ruhestand! Endlich Schluss mit Unterwäsche hier, Unterwäsche da! Statt dessen ein bisschen Geld auf der hohen Kante, um mal mit der Gattin beim Italiener um die Ecke essen zu gehen oder im Winter eine kleine Pauschalreise an die türkische Riveria zu machen.“
In diesem Moment wusste ich, dass ich Herrn Frödel nicht loswerden würde, bis ich unterschrieben hatte. Er war der Terrier unter den Versicherungsagenten der KULANT-Versicherung! Einfach festbeißen und nicht wieder locker lassen. Einfach dranbleiben. Was sind Argumente gegen Beharrlichkeit? Was sollte ich nur tun? Grob werden? Ihn der Hauses verweisen? Den kultivierten, korrekt gekleideten Herrn Frödel, der nichts anderers wollte, als mich vor Altersarmut zu bewahren?
„Zeigen Sie mir doch mal bitte ihrer aktuelle Rentenprognose von BfA!“, holte Herr Frödel jetzt zum ultimativen Vernichtungsschlag aus. Nein, unmöglich konnte ich ihm die paar Pimperlinge zeigen, die mich am Ende meines Arbeitslebens erwarteten!
Da sah ich plötzlich die Tüte mit den Erdnussflips stehen und erinnerte mich an meinen Traum. Vielleicht war die Energie von Shri ja doch nicht ganz verloren gegangen...
„Gut, ich hole die Rentenauskunft. Wollen Sie vielleicht ein paar Erdnussflips?“
Herr Frödel sah mich etwas verwirrt an und dann auf die Uhr.
„Um diese Zeit?“
„Der Verzehr von Erdnussflips unterliegt keinen tageszeitlichen Beschränkungen, soweit ich weiß“, antwortete ich, nahm die offene Tüte und warf sie auf den Tisch. Herr Frödel holte sich nach einigem Zögern zwei, drei Erdnussflips, die er sich vorsichtig zwischen seine weißen Zähne steckte und begann, skeptisch anzuknabbern.
Ich holte ihm die vorläufige Rentenauskunft und gab sie ihm.
„534 Euro Rente“, las Herr Frödel laut und streng, nickte, als wenn er sich so was schon gedacht hätte und hob dann langsam seinen Kopf, um mich wortlos, aber durchdringend anzusehen. Er blinzelte genau drei Mal. Das erste Blinzeln hieß „bitterste Armut“, das zweite „Hungerödeme, Skorbut und überall Furunkel“, das dritte „Erfrierungstod in Kellerwohnung“.
Sein Blick war hart und er kaute unversöhnlich jetzt auf den Erdnussflips herum, als wolle er sie nicht essen, sondern ihnen nur weh tun.
Doch dann begann sich seine fest gezurrte Vertretermimik plötzlich zu verändern. Etwas Weiches, ja Erlöstes zog in seine Züge und er sprach er: „534 Euro! Mein lieber Herr Gesangsverein!“
Ich hielt es für Ironie. Herr Frödel nahm noch ein Handvoll Erdnussflips.
„Das ist ein ordentliches Polster, was sie da haben“, sagte Herr Frödel aufgeräumt und schmatzend und tippte mit dem Finger auf die grauenhafte Zahl. Dann lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
„Es sind ... nur ... Fünfhundertvierunddreißig Euro!“, stotterte ich verwirrt. Er musste sich verlesen haben.
„Ja, ja, ich weiß. Eine schöne Stange Geld.“
Dann lehnte er sich nach vorn, stützte sich auf die Unterarme, um mich besser zu unterrichten.
„Nun mal ehrlich: Was brauchen sie wirklich im Alter? Sehen sich doch mal an, kleiner Mann, der Sie sind. Ein Tässchen Haferbrei am Morgen, ein Gläschen Bier am Abend und am Wochenende vielleicht einen Teller feines Hühnerfrikassé. Leute wie Sie können doch in Hydrokultur überleben. So ist doch. Warum gibt es in den Gaststätten Seniorenteller? Weil man im Alter weniger isst. Und das ist auch ganz normal so. Der Stoffwechsel fährt herunter. Tod ist ja ein kontinuierliches Phänomen. Man braucht immer weniger, bis man eines Tages gar nichts mehr braucht. Das wird oft vergessen.“
Er griff noch einmal - „Die sind lecker! Wo haben Sie die her?“ - und dieses Mal beherzter in die Tüte Erdnussflips.
„Machen wir uns doch nichts vor: Es ist doch ein durch und durch krankes System“, schmatzte Herr Frödel fröhlich vor sich hin. „Die Leute quälen sich in Jobs, die sie hassen, für ein Haus, dass sie erst abbezahlt haben, wenn sie es schon wieder verkaufen müssen, um den Platz im Siechenheim bezahlen zu können, und wenn es mal gut läuft, für irgendein Vermögen, das am Ende nur die Erben verschleudern, weil sie selbst es ja doch nicht mehr ausgeben können, halb blind und lahm, krank am Herzen und an der Hüfte. Das Alter macht nur die Ärzte reich und das letzte Hemd hat keine Taschen, Herr Schwarz! Lesen Sie ab und zu in der Bibel? Sollten Sie tun! Matthäus 6,26: Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Kennen Sie die Experimente mit Lichtnahrung, wo Menschen über Monate sich nur von Licht ernährt haben?“
Herr Frödel wollte noch mal in die Tüte greifen, aber beim Stichwort „Lichtnahrung“ nahm ich sie ihm weg. Er hatte fast die Hälfte aufgegessen und ich fürchtete, dass er bei fortschreitender Erleuchtung sich seiner Sachen inklusive des seidenen Halstuches entledigen und nackt aus dem Fenster zu fliegen versuchen würde. Und mein Leben ist nicht so langweilig, dass ich mich nach einem toten, nackten, alten Versicherungsvertreter im Vorgarten sehne, den ich dann der Polizei erklären muss.
„Ich kann leider nicht den ganzen Tag philosophieren“, sagte ich vorsichtig, und Herr Frödel straffte sich im Sitz und klappte seine Kollegmappe wieder zu.
„Natürlich, nutzen Sie den Tag!“
Er tippte noch einmal auf meine Rentenauskunft und rief: „534 Euronen! Also, das reicht dicke!“
Dann schüttelte er kräftig meine Hand und boxte mich kurz gegen die Brust.
„So ein junger Mann wie Sie sollte überhaupt keinen Gedanken ans Altsein verschwenden!“
Schon war er aus der Tür und ich hörte ihn noch auf der Treppe murmeln „Der Priesemuth ist doch auch völlig überversichert. Den ruf ich gleich mal an.“
Auf dem Küchentisch lag die halbvolle Erdnussflipstüte. Ich fühlte mich mit einem Mal sehr mächtig und ich ging an den Computer, um eine einzige Frage bei Google einzugeben:
Essen Taliban Ednussflips?

(Auszugsweise Veröffentlichung aus : Ich hör Dir zu Schatz. Mit Genehmigung des Autors)

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